Der 18. Dezember Überläufer-Keiler

 

In diesem Jahr dachte man es gibt keinen Winter mit Schnee. Einmal hatte es im Oktober kurz geschneit , aber der Nassschnee blieb nicht lange liegen. Dann war Pause. Kein Schnee, kein Winter, keine guten Jagdbedingungen . Dann hat es in der zweiten Dezemberwoche endlich geschneit. Zuerst nur wenige Zentimeter, das reichte aber schon mal, um im Revier nach den Fährten zu sehen.  Und wir waren dann die Tage draußen. Zum Teil zog das Rehwild an die Kirrungen, die Füchse waren auf den Läufen und sonst noch allerlei Wildtiere konnten jetzt ihre Wege nicht mehr verleugnen . Und siehe da, es war auch an den Sauenkirrungen etwas los. Es war wohl eine einzelne Sau, die Ihre Fährte hinterlassen hat. Oben am 9d hatte sie die Kiste umgeworfen und die Wilduhr blieb um 02:30 Uhr stehen. Spät ist sie gekomen, aber immerhin. Zeit die Wildkamera wieder an der Grenze zu postieren, damit wir einen ungefähren Überblick über das Erscheinen wo, wie, wann bekommen. Es kam noch mehr Schnee und die weiße Decke wurde höher und höher. Die Sauenkirrungen wurden jetzt täglich kontrolliert und es zeichnete sich ab, dass die einzelne Sau unstetig unterwegs war. Ansitzen? Wann, wo. An der Grenze war sie nur zweimal sporadisch. Am 9d war sie fast jeden Tag, nur die Uhrzeiten waren sehr unterschiedlich. In der kommenden Woche hatte ich frei. Am Montag war die Sau nicht an den Kirrungen. Am Dienstag fiel die Wilduhr um 07:04 um. Also schon spät am Morgen. Ich dachte eigentlich kann sie sich soweit weg nicht eingeschoben haben, wenn sie noch so „spät“ an der Kirrung vorbeikommt. Eigentlich sollte ich es heute Abend mit einem Ansitz probieren. Es war Halbmond, die Fläche um die Kirrung noch wunderbar schneebedeckt. Müsste ich eigentlich versuchen . Allerdings wollte ich auch auf Rehwild rausgehen und das bereits um 16:00 Uhr bis vielleicht 18:00 Uhr. Dann zwischendurch nach Hause und Abendessen und schauen , dass ich um 19:00 Uhr oben im 9d sitze. Möglicherweise kommt die Sau früh, wenn sie nicht weit weg liegt und ihr erster Weg zur Kirrung führt. Und so machte ich es. Als Sohn Florian nach Hause kam wurde zusammen Abendgegessen und ich berichtete. Er meinte „ja wenn ich Lust hätte, solle ich ruhig gehen“ er wollte nur duschen und dann abliegen.

Ich packte meine Sachen und fuhr los. Ich musste höllisch aufpassen bei der Fahrerei auf dem schneebedeckten Waldweg, aber es ging gut und ich erreichte problemlos meinen „Parkplatz“. Gemächlichen Schritte marschierte ich die ca. 300m zur 9d Kanzel auf meinem Pirschweg durch den Jungbestand. Still uns leise schob ich mich in die Kanzel und richtete mich entsprechend ein, 19.15 Uhr war es. Es könnte ja ein längerer Ansitz werden und ich hatte schon vor so bis Mitternacht oder 01 :00 Uhr zu bleiben. Bei den Sauen braucht man das Sitzfleisch und ich stelle mich gedanklich immer auf lange Stunden ein.
Der Blick nach draußen zeigte mir beste Lichtverhältnisse. Die Konturen der Baumstöcke, Mais-Kiste und Kirrungabdeckungen konnte ich mit bloßem Auge erkennen. Wenn ich das Fernglas nahm waren die Gegenstände scharf und gut zu sehen. Also wenn da eine Sau oder gar schon ein Fuchs um die Kirrung schleicht, wären sie bestens zu erkennen. Ein Blick durch das 8×56 Glas des .30-06 Repetieres bestätigte die gute Sicht.

Das Gewehr richtete ich mir so ein, dass ich mich nur nach vorne beuge, es in die Schulter ziehen muss um ins Ziel zu fahren. In der Geräumigen Kanzel haben wir alles mit Teppich verkleidet um möglichst keine Geräusche zu verursachen. Das Fernglas lag rechts mir. Alle Voraussetzungen waren perfekt gegeben, dann heißt es also warten. Ich saß gemütlich in der Kanzel, nahm ab und zu das Glas in die Hand und schaute über den Kirrplatz und links die Gasse hoch, wo eine zweite Kiste stand und die Sau auch dort immer vorbeischaute. Eigentlich zeigte sie immer das gleiche Verhalten. Sie wechselte die Kirrung von rechts aus der Dickung an, tat sich dort genüßlich und zog auf dem Weg an der Kanzel vorbei und dann die Rückgasse links hoch zur zweiten Kiste und verschwand dann nach links. Das diesige gräuliche Licht ließ die Konturen der Stöcke und kleinerer Fichten mal verschwinden, dann wieder dunkel klar erscheinen. Manchmal-dachte ich, die bewegen sich alle und wenn dann die Unsicherheit so groß war, es könnte doch Wild sein, dann nahm ich das Glas. Der Blick durch dieses bestätigte aber dann die festen Konturen der bekannten dunklen Punkte da draußen. Also nichts. Glas wieder weg und wieder die Blicke durch die Brille mit bloßem Auge. Dann hörte ich die Tannheimer Kirchenuhr wie so oft wenn ich draußen saß. Es schlug 20 Uhr. Ich zählte die Schläge. Dann verglich ich mit meinem Handy die Uhrzeit. Stimmt, also mal sehn wie lange ich ausharre. Kalt ist es nicht ich hatte nicht mal meine Handschuh bisher angezogen . Es mochten ein paar Minuten vergangen sein als ich meinem Blick gezielt zur rechten Kirrung richtete. Der Baumstumpf war klar zu erkennen , davor die Kiste und rechts hatte ich ein paar Brettchen aufeinandergelegt und ein paar Maiskörner darunter versteckt. Und da war ein längerer Schatten, oder dunkler Punkt. Muss ich mal mit dem Glas schauen, nahm es völlig unbedarft hoch und schaute durch und dann stockte mir der Atem, da stand doch tatsächlich eine Sau, breit in voller Länge und hatte den Wurf unten. Ich legte das Glas vorsichtig weg und das ist der Vorteil des Teppichs, man hört nichts. Ich beugte mich nach vorne, zog den Schaft in die linke Schulter und visierte durch das ZF in Richtung Sau. Ja und da stand sie breit und völlig ruhig. Ich meinte Geräusche des Gebrechs zu vernehmen, aber egal ich zielte auf die Sau, konzentrierte mich auf das Absehen und den Wildkörper, das Gewehr gut einzogen und ruhig halten und als alles soweit passte krümmte ich den Finger und rums raus war die .30-06. Sofort repetierte ich und sah dabei aus der Kiste auf den Platz vor mir. Vom kurzen Mündungsfeuer geblendet sah ich die Sau dann nach links weggehen um im Bogen wieder rechts auf die Dickung zu laufen. Sie war nicht schnell und ich hatte auch das Gefühl, dass sie nach dem Schuss etwas verzögert wegging. Ich hörte am Dickungsrand noch etwas Reisig knacken dann war Ruhe.

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Kein schlechtes Zeichen dachte ich vor mich hin und war auch sicher gut abgekommen zu sein. Aber eine gewisse Unsicherheit bleibt doch. Liegt sie, am Anschuß jedenfalls nicht, das war sicher. Jetzt gönnte ich mir eine Zigarette. Dann holte ich das Handy heraus und wählte Florians Nummer. Nach ein paar Klingeltönen nahm er ab, er saß noch zu Hause am Tisch. Zu seiner Mutter meinte er, bevor er das Telefon abnahm und meine Nummer sah, ,,jetzt hat er sich bestimmt festgefahren“. ,,Ja hallo, Vatter, was isch?“ ,,Hab geschossen“ sagte ich, ,,Ja … auf ne Sau“ fragte er entgeistert . ,,Ja klar“ was sonst, sagte ich „ist noch weg, müssen nachsuchen “ ,,Ja, ok. und warsch gut drauf?“ fragte er. ,,Ja , schon“ sagte ich, hab sie noch wegrennen sehn und dann noch Knack Geräusche bei der Dickung, dann nichts mehr“. ,,Ja hört sich nicht schlecht an“ meinte er. ,,Und wie groß?“, ,,Ja ich denke mittel, 50-60 kg“ sagte ich. Wir vereinbarten , dass ich wie gehabt erst nach Hause fahre, nicht alleine an den Anschuß, dann gehen wir gemeinsam.

Gesagt getan, ich baumte ab und ging schnellen Schrittes mit meinen Sachen durchs Unterholz zu meinem Auto und fuhr vorsichtig nach Hause. Unterwegs im Auto natürlich die Gedanken: Wird sie liegen ? ich hatte ein gutes Gefühl. Aber eine gewisse Unsicherheit bleibt halt doch. Mir liefen die Bilder nochmals vor den Augen ab, wie ich die Situation erlebt hatte. Mir wurde bewusst, dass ich überhaupt nichts gehört hatte, als die Sau anwechselte. Hätte ich nicht diesen komischen länglichen Schatten gesehen und mit dem Glas geschaut, hätte ich nicht mal bemerkt, dass da unten an der Kirrung eine Sau steht. Zu Hause angekommen ging ich erst mal rein. Das Gewehr und die restlichen Sachen aufräumen, dann kam Florian. Und Vatter, wie? Ich grinste schon über alle 4 Backen und sagte „mit dem hätte ich nicht gerechnet , dass die Sau schon um 20 Uhr kommt und breit vor mir steht. Also ich war gut drauf und habe ruhig und sicher geschossen.“ Zwischenzeitlich war auch der Großvater da und freute sich als er mitbekam, dass ich auf eine Sau geschossen habe. Ich schilderte nochmal den Hergang und Verlauf. Florian meinte. Die wird schon liegen. Also packten wir unsere Sachen. Kira, unsere Hündin ließen wir hier, denn im Schnee mussten wir ja selbst die Fährte gut sehen. Wir fuhren los ins Revier und gingen dann auf dem Pirschweg durchs Unterholz wieder zum 9d. Ich ging voraus und dann waren wir am Anschuß. Kein Schweiß, keine rote Tropfen ect. im Schnee. Florian ging in die Hocke und fand aber jede Menge Borsten, Schnitthaar, aber eben kein Tropfen Schweiß. Gut zu erkennen waren die Eindrücke der Läufe, als sie ab ging. Wir suchten weiter in Richtung des Fluchtweges und nach ein paar Metern Schweiß im Schnee, rote Flecken, die zunahmen  Sieht gut aus meinte Florian, die liegt sicherlich. Der Schweiß nahm dann noch mehr zu und ich war mir auch sicher, dass sie liegt, aber wie weit und wo? Wir kamen dann auf die Dickung zu und an die Stelle wo ich auch noch Geräusche vernahm. Florian richtete das Nachsuchegewehr, ich leuchtete mit der großen Lampe die Stelle ab. Und da, plötzlich sah ich die Sau vor uns liegen.

Unter einer kleinen Randkiefer lag sie, etwas eingeschoben in einen Reisghaufen. Verendet? Ja alles klar. Florian stieß sie an, keine Reaktion. Sie lag vor uns. Waidmannsheil. Horrido, welche Freude da aufkommt. Wir zogen die Sau heraus, dann lag sie auf dem Schnee vor uns. Der Schuß saß mitten auf der Kammer. Ein guter und absolut tödlicher Schuß. Ich sah mir das Gebrech an und siehe da ein Keiler. Überläufer, sicherlich 50-60 kg. Wir umarmten uns und Florian gratulierte mit kräftigem Waidmannsheil und Bruch. Wir zogen dann die Sau über den Schnee durchs Stangenholz bis zum Auto, natürlich mit entsprechenden Pausen zwischendurch und als wir sie auch noch im Auto verstaut hatten, fuhren wir glücklich nach Hause zurück. Dort wurde sie gewogen, unaufgebrochen zeigte die Waage 57Kg, und dann versorgt. Nach getaner Arbeit saßen wir wieder einmal mehr in Großvaters Küche bei unserem traditionellen Likör und Bier und stießen mehrmals auf dieses überaschende Waidmannsheil an. Ich erzählte immer wieder die „lautlose“ Geschichte der breitstehenden Sau. Es gibt sie immer wieder die nicht vorhersehbaren und tollen Jagderlebnisse, direkt in unserem Klosterwald-Revier. Und voller Erwartungen auf die nächsten Jagdabendteuer verließen wir dann den Ort und verkrochen uns in den Kojen.