Saujagd im Klosterwald

 

Die Sauen sind da, eine elektrisierende Botschaft, die ich mir selber gebe, da ich gerade durchs Revier gehe und die frischen Fährten auf dem Grasweg, den ich gerade mit meiner Hündin „Kira“ passiere, sehe. Tiefe scharfe Tritte von mittlerer Stärke, wohl eine einzeln gehende Sau.

Auch Kira hat die Nase tief unten und zieht den wohl bekannten, aber doch auch für sie immer wieder neuen Duft ein. Erinnert sie sich an die letzte Sau, die ich am 17. April gestreckt hatte und Kira die Nachsuche wieder mal bravorös gelöst hatte ? Zwischenzeitlich waren von Mai bis August keine Fährten von Sauen im Revier zu sehen. Jetzt, da der Mais draussen auf den Feldern aber hochgewachsen ist, sind sie wieder da, um in den Nächten doch schon in die Felder zu wechseln. Tagsüber nutzen sie die dichten Dickungen des Klosterwaldes um zu Ruhen. Und dieser Klosterwald ist „mein Revier“. Es ist klein und fein und von einer vielfältigen Fauna und Flora geprägt. Ein reines Waldrevier mit vielen Baumstrukturen und Arten. Dickungen / Hochwald und Stangenholz, einzelnen Buchenflächen, fast urwaldhaftigen Beständen und vielen Himbeer- und Brombeerflächen. Gute Einstände für Rehwild und eben auch gute „Verstecke“ für die Sauen.

Zwei Kirrplätze habe ich angelegt, um die Sauen auch an diese zu locken, um dann eventuell mal zum Schuß zu kommen. Aber die Sauen haben ihre eigenen Gewohnheiten. Sie haben ihre Wechsel in bestimmten Richtungen und Wegen und haben dort ihre Suhlen. Stellen, an den keine jagdlichen Einrichtungen stehen und die Sauen wo möglicherweise bei ihrer Lieblingsbeschäftigung gestört oder gar beschossen würden. Nein da stelle ich auch kein hin. Die Sauen sollen sich dort „wohl“ fühlen und in meinem kleinen Revier bleiben. Die Gelegenheiten zur Bejagung nutze ich an den Kirrplätzen. Dazu müssen die Sauen aber diese auch annehmen und das machen sie in den Monaten August/September/Oktober nicht so gewöhnlich. Sporadisch kann es vorkommen, dass sie mal daran vorbeigehen, aber so selten, dass der Ansitz sich noch nicht lohnt und zudem muss das Licht noch passen, was selten der Fall ist in den Herbstmonaten.

Als dann der Mondhimmel doch mal 2-3 Tage mitmachte saß ich draußen, gekommen sind die Sauen aber nicht, zumindest nicht da,  wo ich war.

Es kam der November und die Felder waren leer. Die Sauen sind mehr als vorher im Revier und siehe da auch öfter an den Kirrplätzen. Also, die guten Mondnächte abwarten und dann raussitzen. Es muss ja mal klappen. Aber nichts. Die Ansitze häuften sich, die Dauer und Ansitzstunden  und auch die Zeiten habe ich geändert, mal früher mal später raus, aber nichts. Die guten Tage waren vorbei, geschossen habe ich nichts. Einmal waren sie mal ganz in der Nähe, ich hab die Sauen bei ihrer Beschäftigung dem Brechen gehört, nur gesehen hab ich keine.

Am 21. November kam der erste Schnee in diesem Winter und gleich soviel, dass er nicht schon wieder in 2 Tagen weg war. Er bleib liegen und da waren die Nächte auch hell genug, um auf die Sauen zu anzusitzen. Die Kirrungen wurden fast täglich kontrolliert, von mir oder von meinem Vater, der mit seinen 79 Jahren auch noch sporadisch seine Reviergänge machte. Die Sauen waren fast regelmäßig da. Auch für den „Altjäger“ immer noch faszinierend, spannend und aufregend.

Ich sass an fast jedem Abend zwischen 3-4 Std an. An unterschiedlichen Plätzen  und doch meistens auf der 9d-Kanzel, nichts passierte. Das Wetter war nie so richtig gut und mein Vater als „passionierter Saujäger“ sagte immer, bei dem Niederdruck wird´s nichts. Die Sauen merken dich bevor du überhaupt ahnst, dass sie in der Nähe sind.  Es wurde Dezember, aber in der ersten Woche war das Wetter nur schlecht. Viel Wind und keine optimalen Bedingungen. Aber was ist optimal ?  Am Donnerstag den 04. Dez. wollte ich raus, aber ich kam schon relativ spät vom Büro nach Hause und so richtiges „Saufieber“ hatte ich auch nicht. Also bin ich zu Hause geblieben. Am nächsten Tag, also am Freitag den 05. Dezember, konnte ich bereits früher vom Büro nach Hause und ging auch gleich ins Revier und kontrollierte die Kirrplätze. Die Sauen waren natürlich wieder da. Alles mit Körnermais neu bestückt und gegen Abend dann rechtzeitig ins Revier. Ausgesucht hatte ich wieder einmal die 9d-Kanzel. Allerdings war auch heute das Wetter wieder nicht so richtig gut. Frischer Wind aus Südwest und sporadischer Schneefall.

Aber  auch nicht so schlecht, je nachdem wo die Sauen eventuell anwechseln würden. Zeitig, kurz nach 17:00 Uhr sass ich in der halboffenen Kanzel gut eingepackt, meinen Rep. .30-06 mit dem guten 8×56 ZF so vor mir liegen, dass ich ihn nur hochnehmen muss, um in die richtige Schussposition zu kommen. Rechts von mir ein dichtes Fichtenstangenholz,  davor kleinere dichte Fichten und davor, auf der Freifläche, ist die Kirrung mit 2 Malstöcken. Gerade aus ist eine mannshohe Fichtenkultur mit einzelnen offenen Stellen, und dadurch geht nach halblinks ein Weg schräg weg. Dahinter so nach 80-100 m  Fichtendickung mit Stangenholz. Auf diesem linken Weg ist eine 2. Kirrstelle wo ich mit zwei Holzklötzen den Mais abdecke. Beide Kirrstellen sind meisten gleichzeitig angenommen, d.h. die Sau(en) gehen da von einer zur anderen Stelle. Man sieht es auch an den Fährten, die mitten durch die Dickung gehen und wie die Sauen hin- und herziehen.

Da sitze ich also bei vermeintlich schlechtem Wetter (wieder Niederdruck?) und der Kälte. Aber ich fühle mich wohl, gut eingepackt, so werde ich es einige Stunden aushalten. Den Rep. schön abdeckt und ich sitze etwas schräg im hintersten Eck der Kanzel, so dass ich beide Kirrstellen gut einsehen kann. Der Wind pfeift aus südwestl. Richtung und das ist ja nicht so schlecht denke ich vor mich hin, wenn die Sauen natürlich aus der vor mir liegenden Fichtenschonung kommen sollten. Wenn sie aber im Bogen von hinten kommen, dann wird es wohl nichts.

So jetzt aber mal positiv denken und abwarten (vielleicht kommen sie gar nicht, aber genau diese Gedanken wollte ich doch verwerfen.) Die Zeit vergeht, mal ist die Sicht etwas besser, mal schlechter, hängt vom Schneefall und den doch schnell ziehenden Wolken am Himmel ab. Es wird 19 Uhr und nichts tut sich. Ein paar mal waren die Sauen doch ziemlich früh hier (hab ja eine Wilduhr platziert, die mir den einen oder anderen Besuch der Sauen hier zeitlich mitteilt).

Aber heute wohl nicht. 19:30 Uhr von der Kirche her kann ich die Uhr schlagen hören und das alle viertel Stunde. Ich glaube ich genehmige mir mal ein Zigarettchen und versuche so leise wie mögl. das Päckchen aus der Tasche zu holen. Gelingt ja auch ganz gut. Dann Zigarette in den Mund Päckchen wieder rein, Feuerzeug in die Hand und mit dem Kopf nach unten, um das Feuerchen an die Zigarette zu halten. Noch einen Blick über die Brüstung hinaus zu den Kirrstellen und über die weißen Schneeflächen, und dann erstarre ich gleichzeitig. Da läuft doch ein schwarzer „Kasten“ auf dem Weg links vor mir direkt an die Kirrung. Unverkennlich eine Sau, so gut sehe ich die mit Brille und blossem Auge. Zigarette aus dem Mund und mit dem Feuerzeug rechts an meine Seite auf die Bank legen.

Mit der linken nach dem Gewehr greifen, vorsichtig den Teppich vom ZF nehmen und das Gewehr mit der rechten hochnehmen, ganz vorsichtig und im Zeitlupentempo. Verdammt warum bin ich Linksschütze, ich muss da wieder mal ganz rum, um das Gewehr an die linke Schulter zu bekommen. Endlich liegt es ganz ruhig auf dem Teppich, einstechen was auch ganz leise gelingt, nun mit meinem Hinterteil noch etwas mehr rum,  nach der Sau schauen, die ist noch dort, wohl eine Einzelne, weitere sehe ich jedenfalls keine und ich höre sie schmatzen, jetzt geht das Haupt wieder runter, sie nimmt neuen Frass auf, Gewehr einziehen und durchs ZF das Absehen auf die Sau bringen. Gelingt auch, nur die Sau steht ziemlich spitz auf mich zu. Gar nicht günstig denke ich, leicht nach links gedreht aber eben nur ganz wenig, abwarten, die dreht sich schon noch. Aber, so denke ich wenn die jetzt noch länger so steht, könnte es auch sein, dass sie sich, sobald sie nichts mehr zu Fressen hat, auch ganz schnell wegdreht und mit 2 Schritten verschwindet sie dann hinter den Fichten. Zu kurz um dann noch die Kugel loszuwerden. Also Gewehr einziehen Absehen auf die Sau, soll ich ihr direkt in das Haupt schiessen ? Erscheint mir nicht unbedingt gut. Als sie beim Aufnehmen des Frasses das Haupt hochnimmt fahre ich mit dem Zielstachel genau vorne hin, überlege mir noch wie die Schußbahn im Tierkörper verlaufen würde und denke die trifft so mitten ins Leben, also nochmal genau hinhalten, Finger an den Abzug, einatmen ganz ruhig zielen und den linken Zeigefinger ganz leicht krümmen. Wumm, die .30-06 ist raus, das Mündungsfeuer blendet mich im ZF, sofort repetiert und runterschauen, nichts liegt dort, müsste ich doch sehen im Schnee, da höre ich es fast gleichzeitig links in der Dickung krachen und Äste brechen, dann ist Ruhe. Ein gutes Zeichen denke ich, wie letztes mal als mein Sohn Florian und ich die 56 Kg Sau geschossen haben. Die ging auch noch ca. 50 m und wir haben es nach dem Schuss auch so krachen und Äste brechend gehört.

Durchatmen, Gewehr sichern, ablegen. Wo hat du hingeschossen? Spitz von vorne, ob das was war? Hab ich auch getroffen ?. Jetzt geht der Griff rechts neben mich auf die Bank wo die Zigarette und das Feuerzeug noch liegt. Ja ich habs. Jetzt kann ich mir das Zigarettchen in aller Seelenruhe anbrennen. Blick auf die Uhr: 19:45 Uhr, doch ziemlich früh. Warten ist angesagt, mindesten 20 Minuten. Dann endlich ist die Zeit um. Ich packe meine Sachen und baume ab. Unten lege ich Mantel/Teppich ab. Nehme meinen Repetierer und die kleine Lampe und gehe zumindest bis zum Anschuss. Ziemlich dort angekommen, sehe ich erstmal nichts, noch weiter vor, da◊Schweiß, roter Schweiß Punkte/Flecken eine ganze Linie im hellen Schnee, mein Herz klopft, getroffen, die Kugel sitzt, hoffentlich auch im Leben, so dass die Flucht nicht allzu weit ginge. Nochmal mit der Lampe in Fluchtrichtung geblendet, da ist sie rüber und Schweiß, viel Schweiß auch die Abdrücke der Läufe deutlich zu sehen. Jetzt nur gehen und dann noch warten. Nur nicht gleich einer „angeschweißten“ Sau hinterher und schon gar nicht alleine. Zu groß ist die Gefahr dass diese womöglich hinter einem Fichtenbäumchen plötzlich daher saust.

Also kehrt gemacht und einigermaßen beruhigt auf den Nachhauseweg machen um „Verstärkung“ zu holen. Zurück an der Kanzel hole ich doch mein Handy heraus und will meinem Sohn Florian, der ausgerechnet heute Abend gemütlich bei seinem Arbeitgeber bei der Weihnachtsfeier sitzt, die Botschaft verkünden. Aber er geht nicht ran ans Handy. Also kurz noch zu Hause anrufen und unserem „pensionierten Oberjäger Erich“ die Nachricht übermitteln. Der geht auch ans Telefon und ist echt überrascht, als ich berichte „auf Sau geschossen“, Schweiß gut vorhanden. Also nach Hause kommen meint auch er und er ginge dann schon mit, um die hoffentlich nicht allzu weit weg verendete Sau zu bergen.

Unterwegs läuft der Film vor meinen Augen in allen Varianten und Einzelheiten nochmal ab. Die etwa mittelgroße (schätzungsweise 30/40 Kg) Sau stand ziemlich spitz auf mich zu, aber dadurch dass sie den Wurf sehr weit hochgenommen hatte war ich sehr sicher wo ich den Schuss anbringen muss, vorne am Lauf hoch bis Mitte Sau und dann krachen lassen. Und da habe ich auch genau hingehalten und habe ganz ruhig geschossen.

Großes Hallo zu Hause, Opa hat schon gewartet und ?. Kurz berichtet wie alles ablief und umziehen, um mit etwas weniger Klamotten die Nachsuche zu bewältigen. Unsere Hündin Kira war völlig aufgedreht und ich bin mir sicher, dass sie weiss, was jetzt folgt. Sie darf mit, um bei der Nachsuche zu helfen und auf sie ist verlass. Bisher hatte sie alle notwendigen Nachsuchen auf Rehwild und auch die letzte Sau bravorös gemeistert. Schweißleine, Taschenlampen, Nachsuchegewehr, Bergungsseil  eingepackt und ab ging es gegen 21:00 Uhr ins Revier zurück.

Mit Sack und Pack zum Anschuß und Kira die Stelle zeigen. Vorher mit der guten Lampe den Anschuß nochmal genau untersuchen, aber da ist soviel Schweiß in der Fluchtrichtung, dass Kira gleich hinterher zieht. Nach wenigen Metern noch mehr Schweiß, eine ganze Bahn neben der gut zu sehenden Fluchtfährte. Es geht etwas nach rechts auf die Dickung zu. Aber schon jetzt ist erkennbar, dass die Sau schwerkrank geflüchtet ist. Der Schnee ist vom Körper tief weggeschoben, d.h. sie war nicht mehr richtig auf den Läufen. Weit kann die doch nicht mehr gegangen sein. Kira zieht unaufhaltsam in Richtung der Fluchtfährte hat aber auch ihren Fang nach oben gerichtet, für mich das Zeichen, sie hat die Sau „in der Nase“. Ihr typisches Verhalten. Jetzt wird es aber doch dichter in der beginnenden Dickung, die Fährte geht weiter nach rechts., Kira zieht und ich muss erst mal unter den Fichten durch auf allen Vieren, der Hund hat es da einfacher, aber hinterher und mit der Lampe nach vorne blenden und absuchen, weiter, dann bleibt Kira stehen, für mich das Signal sie könnte bei der Sau sein, ein paar Meter vor mir, mit der Lampe blenden und tatsächlich da liegt die Sau, schwarze Schwarte und doch ein ziemlicher Klotz. Waidmannsheil ruf ich nach dem hinter mir gehenden Opa, der sichtlich mit der Dickung kämpft. Waidmannsheil ruft auch er und freut sich riesig, dass wir den Erfolg schon haben. Horrido.

Wir gehen nah an die Sau ran, und siehe da ein Überläuferkeiler, ich schaue sofort nach dem Schuß und sehe auch gleich  mitten drauf den roten Einschuß, daraus floss auch unverkennlich der viele Schweiß, eindeutig zu sehen, ein guter Treffer. Gut wenn man sich auf ein gut eingeschossenes Gewehr verlassen kann. Das mitgebrachte Seil band ich dann um den Wurf der Sau und dann erst mal rausziehen aus der Dickung.  Da hatte ich aber zu tun. Sicherlich mehr als 40 Kg und Opa, der alte Jäger und Kenner meinte, das sie schon um die 50 kg haben wird.

Zu zweit zogen wir die Sau dann über den Schnee durch das Stangenholz bis zum Auto. Eine mühsame Arbeit, insbesondere für meinen 79 jährigen Vater, der aber kräftig mithalf. Am Auto die Sau in den Kofferraum rein, den Hund dazu und ab ging es nach Hause. Dort wurde dann der Überläuferkeiler fachgerecht und sauber aufgebrochen, gewogen und er hatte genau 50 Kg,  und dann ab in die Kühlzelle. Sau tot klang das Signal in den Nachthimmel aus dem Horn, das mein Vater immer bei solchen Gelegenheiten hervor holt.

Nach getaner Arbeit wurde dieses Erlebnis mit einem kräftigen Waidmannsheil und ein paar guten Tropfen besiegelt.